Freunde finden an traurigen Orten, von rostigen Zäunen gebaut

Paul O'Brien being served at The Green Island Pub, Zeitz

Heinz war im Geiste mit uns

Nach dem wundervollsten Abend in der kostbaren Gesellschaft von David und Christina, ihren bezaubernden Zwillingen und natürlich meines teuren Freundes Lars, sattelten wir auf, winkten noch einmal und ritten in den Sonnenaufgang. Okay, es war bereits Mittag, weil wir ausgeschlafen hatten, aber darin liegt nunmal wenig Poesie!

Von Münchens Pracht und Kultur (s. die Wasserbett-Affäre) fuhren wir Richtung Nordosten nach Zeitz, wo an dem Wochenende meines Konzertes die Feierlichkeiten zum Ende der Sowjet-Ära in Vorbereitung waren. Hier und auch sonst in Deutschland bleibt "die Mauer" ein bewegendes Thema. Obwohl sie vor 25 Jahren fiel, sind die Narben in Zeitz heute noch überall zu sehen und zu spüren. Nach 25 Jahren würde man Veränderungen erwartet haben. Und ja, es hat sich viel geändert im Großteil Ostdeutschlands, aber viele denken, dass es nicht unbedingt zum Besseren war. Am Rande von Zeitz wurden meine Sinne abgestumpft von endlosen Reihen an heruntergekommenen Gebäuden - einst Fabriken der sowjetischen Maschinerie, eine (meist) kriegsmüde, ängstliche und gehirngewaschene Bevölkerung zu beschäftigen und zu ernähren. Aber was der Staat gibt kann der Staat auch wieder nehmen, und der sowjetische Rückzug nach '89 liess kaum etwas zurück. 

Die Wiedervereinigung verursachte einen Exodus hoffnungsvoller Ostdeutscher. Dieser 30.000-Seelen-Ort hatte einmal über 60.000 Einwohner, aber es ziehen noch immer Menschen weg und man bekommt sein Haus nicht vermietet, ganz zu schweigen davon, dass es einem jemand abkauft. Den Älteren, die bleiben, mag es verziehen sein, dass sie die turbulenten Soviet-Zeiten mit Vollbeschäftigung und den Strassen voller Leute (selbst, wenn die Hälfte davon für die Stasi arbeitete) vermissen. Es fällt mir schwer, zu beschreiben, wie ungeheuer leer und hoffnungslos ich mich fühlte, als wir durch Zeitz fuhren. Ich wollte es mögen. Ich wollte den Grund für mein Dortsein finden. Aber es gab kein Leben und keine Energie. Wir fanden lediglich einen kürzlich renovierten öffentlichen Platz, umgeben von Trostlosigkeit und verlorenen Ambitionen einer dunklen Stadt. Ich fühlte mich noch schlechter und trauerte um diesen tristen Ort. Ich hatte bisher keine Show bewusst versäumt und wollte auch nicht damit anfangen, aber ich fragte mich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich hatte. 

Food fit to be framed. The Green Island Pub, Zeitz

Essen oder lieber einrahmen?

Ich hatte natürlich nicht damit gerechnet, OZ zu finden 

Der Green Island Pub ist der Grund, warum es heißt: 'Eine Oase in der Wüste'! Lars und ich klopften an die Tür. Wir waren ohne Heinz, der mit der NDR-Bigband spielte (selber schuld!). Begrüsst wurden wir von der lächelnden, anmutigen und sportlichen Sandra. Email-Kontakt bezüglich des Bookings hatte ich mit Andreas, aber Sandra schmeisst den Laden, soviel ist klar. Sie lud uns ein in den gemütlichsten Pub, den ich seit The Merriman Tavern in Scariff County Clare erlebt hatte. Es gab Kaffee, und nach einem kleinen Rundgang bauten wir auf und setzten uns dann zu einer ausgezeichneten Mahlzeit, von Stefan zubereitet. Die Karte, die auch ein Gericht namens 'Fetter Paul' anbot (nein, hab ich nicht!!!) war auf Deutsch, aber Sandra brachte mir eine handgeschriebene englische Version auf DIN A4. Diese Zwanglosigkeit gefiel mir. Ich entschied mich für Eier und Salat, der allerdings Schinken beinhaltete, der sich unter dem Salatblatt versteckt hatte, eingebettet im Ei. Ich beklagte mich nicht - es schmeckte fantastisch!

Es gibt immer noch Orte in Deutschland, die das Rauchen gestatten (sogar ermutigen). Während die meisten Irish Pubs von Guinness gesponsert werden, wurde der Green Island Pub gesponsert von  - Marlboro! Das Publikum war eine gute einheimische Mischung aus Jung und Alt, Männern und Frauen, und, sonderbarerweise, zwei Australiern. Der ältere Arnold (Bäcker, Ofen-Unternehmer und Grossvater) erzählte uns davon, wie er sich die Brustwaren piercen liess. Ich hätte lieber über The Ashes geplaudert oder unseren Lieblingssong von Men at Work (geht immer), aber ich nehme an, auch australische Männer sind inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen. Dennoch sehnte ich mich zurück nach solchen Kerlen wie Paul Hogan.

Der Pub war einer von nur zwei Läden in Zeitz mit Live-Musik, und so war es um halb acht gerammelt voll. Jedenfalls hatte ich das Gefühl. Dank des Rauchs konnte ich kaum etwas sehen, aber es fühlte und hörte sich (dem vielen husten und räuspern nach, vor allem dem meinen) nach einer guten Anzahl von Leuten an. Durch den Nebel konnte ich ab und zu den Blitz einer Kamera wahrnehmen, obwohl ich oft mit geschlossenen Augen singe. Wieso das? Um meinen alten Freund Mick Hipkiss zu zitieren: "Weil ich es nicht aushalten kann, den Schmerz in ihren Gesichtern zu sehen, wenn ich singe".

The Little Prince, Zeitz

Das legendäre Sammelalbum

Ja, Herr Wachtmeister, ich werde von einem Kobold mit einer Polaroid-Kamera verfolgt

Nach der Show präsentierte mir ein grüngekleideter Typ (kein Kobold) namens Andreas ein T-shirt zur Unterschrift, ein Poster, ein Autogrammbuch, und Postkarten (selbst gestaltet mit heruntergeladenen Bildern aus dem Internet). Der kleine Prinz (sein Spitzname im Pub) war bei jedem Live-Konzert in Zeitz dabeigewesen - seit 17 Jahren! Bilder und Autogramme von jedem Abend landeten in seinem dicken Sammelalbum (5 davon gab es bereits). Lars und ich verbrachten eine interessante halbe Stunde nach dem Gig mit 'seiner Königlichen Hoheit'. Andreas war sehr stolz auf seine Sammlung von Kabarettkünstlern, Cover-Bands und SängerInnen, und ich war stolz, ein Teil davon zu sein. Es war rührend zu sehen, wie alle im Pub den kleinen Prinzen, den man wohl als 'besonders' bezeichnen könnte, akzeptierten und sich um ihn kümmerten. Besonders ist er wirklich... hörte zu, machte Fotos, und honorierte etwas so simples wie die Unterschrift eines Fremden. Lars, meine Wenigkeit und seine Königliche Hoheit waren sicher ein lustiges Trio, als wir nach Hause gingen. Andreas sagte, er würde eine CD mit Bildern schicken. Ich wette, das sagt er zu allen Musikern!

In den Fängen eines unglücklichen russischen Hausbesitzers mit Spuck-Problem 

Jene Nacht verbrachten wir im Haus eines Russen, der namenlos bleiben soll. Ich wünschte, ich könnte seine Geschichte erzählen, aber ich habe das Gefühl, dass das nicht meine Aufgabe ist. Nach dem Frühstück sprach er eine Viertelstunde mit Lars, nach der dieser aussah, als bräuchte er erstmal Urlaub. Der arme Mann (der Russe), offenbar nicht an Fremde gewöhnt, erzählte Lars (der andere arme Mann) alles. Alles aus seinem Leben; zwei Ehefrauen; Affären; Kinder; verlorene Jobs; verlorene Träume; verlorene Ehefrauen; sein (Beinahe-)Tod; Geigenstunden; Affären mit dem Geigenlehrer (seine Ehefrau, nicht er); Brücken bauen (nicht bildlich); Moldavien; eine 30 Jahre jüngere Krankenschwester; Reisen nach Odessa, um in die Oper zu gehen (1500 km jede Richtung); gestohlenes Geld (eine andere Ehefrau); Rechtsstreitereien; und sein beinahe verkauftes Haus (auf dem Weg zum Notar verlor der Käufer sein Geld beim Glücksspiel). Den Geruch von Öl werde ich niemals vergessen, und auch nicht seinen Blick, als er das V-Wort (Vegetarier) hörte. Ich glaube, er hat wirklich ausgespuckt. Oh, er wurde 1947 in Stalingrad geboren... nicht gerade Disneyland. Und er träumte davon, Konzertgeiger zu werden. Sein Enkel hat den gleichen Traum. Obwohl ich kein Deutsch verstehe, weinte ich zum Schluss wie Paul Gascoigne bei einem Weltmeisterschafts-Halbfinale

Das Geständnis des Russen zog uns ganz schön runter und nachdem wir Zeitz verlassen hatten, sprachen Lars und ich eine Stunde lang kaum ein Wort. Ich werde wieder hinfahren, wenn ich eingeladen werde. Vielleicht versuche ich zu rauchen, oder vielleicht auch nicht. Ich würde Andreas gern wiedertreffen, wobei ich nicht annehme, dass am gleichen Abend ein Kylie Minogue Tribut-Konzert stattfindet (wer könnte es ihm verübeln). Und ich würde gern mehr erfahren über diesen traurigen östlichen Zwiespalt, der so einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Paul O’Brien

ps. Zwei Tage später... Andreas' CD kam mit der Post...Erste Klasse... genau wie Der kleine Prinz selbst.

— übersetzt von Stephanie Hundertmark

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